Die Bedeutung der Seele

Die traditionelle asiatische Medizin, die selbst schon an die 5000Jahre alt sein dürfte, entspringt einer Weltanschauung, die noch viel älter ist und deren Ursprung letztendlich der Schamanismus war, der in den letzten Jahren eine Art Renaissance bei uns im Westen erlebt hat. Wenn ich also von Seele spreche, dann meine ich die komplexe Bedutung der Seele ling靈, dmit den Aspekten der Seelen hun 魂 und pó 魄, wie sie die traditionelle chinesische Medizin kennt.

 

hun 魂 - die Wolken- oder Wanderseelen

Der Mensch besitz als einziges Lebewesen drei hun-Seelen, die ihre Wirkung in den drei Dantian (Energiezentren) entfalten:

Im unteren Dantian, das sich im Bereich des Unterbauches befindet, wohnt der Teil der hun-Seele, den der Mensch mit Pflanzen und mit Tieren gemeinsam hat und mit dem der Schamane auch mit ihnen kommunizieren kann - von Seele zu Seele. Dieser Bereich der Seele steht mit allem Leben um uns in Verbindung und repräsentiert die Grundbedürfnisse des Lebens.

Im mittleren Dantian, das sich im Bereich der Brust befindet, wohnt der Anteil von hun, den der Mensch mit dem Tier gemeinsam hat und den Instinkt repräsentiert, ebenso wie die Eigenschaft nach einem sozialem Gefüge zu streben. Dies ist letzlich der Bereich des Mitgefühls und der menschlichen Ebene, der uns von den Pflanzen unterscheidet.

Im oberen Dantian, das sich in der Mitte des Kopfes befindet, wohnt nun der eine Bereich von hun, der ling hun genannt wird und der den Menschen von allen Lebewesen unterscheidet. Dies ist der Bereich der Seele, der imstande ist, Spiritualität zu leben, mit den Geistern und Göttern zu kommunizieren, sofern er entsprechend kultiviert und entfaltet ist.

Die Wanderseele hun ist grundsätzlich der Holzenergie untergeordnet und wird vom Blut der Leber genährt und "geankert". Ihre Aufgabe ist es, alle (Sinnes)Eindrücke, denen wir in unserem Alltag ausgesetzt sind aufzunehmen, was wichtig für das Machen von Erfahrungen ist, für das Lernen und die Bildung unserer Persönlichkeit. Allerdings nimmt hun die Eindrücke ungefiltert auf, was in Zeiten der Reizüberflutung ein großes Problem darstellen kann, da sich Seele (unbewusste Wahrnehmung von hun) und Geist (bewusste Wahrnehmung) von einander entfernen. Das von vielen Seiten geforderte und propagierte "multitsking" ist eigentlich eher schädlich für die Einheit von Körper, Geist und Seele. hun beseelt unser Leben mit der Zeugung und verlässt den Körper nach dessen Tod, um weiter zu existieren und wiedergeboren zu werden.

 

pó 魄 - die Körperseele

Von den Körperseelen besitz der Mensch sieben, die, wie der Name sagt, eng mit dem Körper und der Körperlichkeit verbunden sind. Grundsätzlich dem Metallelement zugeordnet, stehen die Körperseelen für den Instinkt, den sechsten Sinn ebenso wie für das triebhafte Empfinden und haben gewissermaßen etwas animalisches an sich. Sie ermöglichen uns darüber hinaus auch die Wahrnehmung in unserem Körper, wodurch wir uns innerhalb unserer Körpergrenzen spüren können. Die sieben po Seelen sind jeweils den polaren Kräften Himmel (Yang) und Erde (Yin), sowie den fünf Elementen zugeordnet und stehen eng mit den sieben Emotionen Sorge, Trauer, Angst, Wut, Neid, Erregung und Schock in Verbindung. Die Körperseelen verlassen mit dem Tod des Menschen den Körper, um in die Erde abzusteigen und zu sterben.

Sowohl im Radikal von pó 魄, als auch im Radikal von hun 魂 ist das radikal für 鬼gui enthalten, was soviel heißt wie Geist, Gespenst, Spuk oder Dämon - dies ist ein Hinweis auf die schamanischen Ursprünge der TCM und die damalige Dämonenmedizin. Wenn also ein Teil der Seele (egal ob hun oder po) durch einen traumatischen Umstand wie Schock, Krankheit oder andere Belastungen verlorengeht, ist der Seelenverbund nicht mehr vollständig und etwas anderes - ein gui - hat die Möglichkeit, diesen freien Platz einzunehmen. Diese, für manche möglicherweise esoterische und weit hergeholte Theorie, ist eigentlich eine logische Konsequenz aus der Betrachtung der chinesischen Schriftzeichen heraus. Auch heute noch arbeiten Schamanen mit Techniken der "Extraktion", bei der schädliche Energien (u.a. gui) aus dem Energiefeld des Klienten entfernt werden. Auch die Seelenrückholung ist eine gängige Methode des Schamanen, um verlorengegangene Seelenteile (hun, po) wiederzufinden und dem Klienten zurückzubringen, damit dieser wieder "vollständig" ist und sich seine Kräfte entfalten können. "mens sana in corpore sano - ein gesunder Geist in einem gesunden Körper" - aber auch ein gesunder Körper durch einen gesunden Geist und eine gesunde Seele.

 


Im Umgang mit der Seele bediene ich mich neben den Methoden der, mit denen ich auf den Meridianen oder Akupunkturpunkten arbeite, auch Techniken, die dem Schamanismus wu 巫 entspringen, wie z.B. der Arbeit mit Krafttieren, Trommeln, Rasseln, des schamanischen Reisens,  Räuchern und dgl.


wu 巫 ist die chinesische Bezeichnung für SchamanInnen und das Radikal zeigt zwei Menschen die tanzen. Traditionell haben die Schamanen getanzt, getrommelt, gerasselt und gesungen oder Mantren rezitiert, um mit der geistigen Welt zu kommunizieren. Ein interessantes Detail ist auch, dass das chinesische Radikal wu 巫 im Radikal ling 靈 (Seele) enthalten ist, das zwei Schamanen zeigt, die singen um Regen zu machen. Der Schamane hat also, im übertragenen Sinn, seine Seele ling soweit entfaltet, dass er mit den Göttern und Geistern sprechen kann, um sie zu überzeugen, es regnen zu lassen.

 

Gerade in unserer modernen und hektischen Zeit, in der der Kontakt zu den Rhythmen der Natur weniger präsent ist und wir uns zunehmend in virtuellen Realitäten aufhalten, wir nicht zuletzt dadurch einer Unmenge an Informationen und Eindrücken ausgesetzt sind, bedarf die Seele einer besonderen Aufmerksamkeit und Pflege, um nicht zu verkümmern oder Schaden zu nehmen. 

 

Mögliche Anzeichen für eine bestehende Beeinträchtigung der Seele sind:

  • Das Gefühl nicht richtig im eigenen Körper verankert zu sein
  • Man fühlt sich dumpf, apathisch, als wäre ein Teil in einem tot
  • Man hat das Gefühl, als stünde man neben sich
  • Ständige Orientierung am Außen um innere Leere zu füllen
  • Emotionale Verstimmungen (Wut, Trauer, Sorge, Grübeln)
  • Innere Unruhe, Nervosität, Schlafstörungen, Albträume
  • Gefühl von Verunsicherung
  • Schwaches Immunsystem
  • Suchtverhalten (Alkohol, Drogen, Essen, …)
  • Körperliche Leiden ohne ersichtliche und nachgewiesene Ursache und Manifestation

 


Quellen:

"Der Gelbe Kaiser", herausgegeben von Dr. Maoshing Ni, 6. Auflage; Verlag: O.W.Barth

Klaus-Dieter Platsch: Die fünf Wandlungsphasen - Das Tor zur chinesischen Medizin, 1. Auflage; Verlag: Urban& Fischer

Klaus-Dieter Platsch: Psychosomatik in der chinesischen Medizin, 2. Auflage; Verlag: Urban& Fischer

Claudia Focks: Leitfaden Chinesische Medizin, 6. Auflage; Verlag: Urban& Fischer

Tscheng-Tsu Schang: Chinas Weise Frauen - Heilerin, Schamanin, Priesterin; Verlag: edition amalia